Spiekeroog – ein Geheimtipp?

Nun bin ich schon den vierten Tag auf Spiekeroog, doch den Anfang des Artikels schiebe ich immer noch vor mich her. Warum? Weil ich die Insel für mich selbst noch einordnen muss.

Der NDR wirbt: Spiekeroog – ruhig, grün, einmalig. Das hat uns neugierig gemacht. Und nun?

Hm, es ist anders, als erwartet.

Natürlich recherchiert man, bevor man los fährt und so habe ich einige schwärmende Artikel über die grüne Ostfrieseninsel gelesen, die Entschleunigung ab der ersten Minute versprechen. Die romantischste, die schönste Nordseeinsel, liest man. Ein einmaliger, magischer Ort, in den man sich verliebt, zu dem man immer wiederkehrt.

Ich war gespannt. 18,25 qm Natur und Ruhe pur?

Das Heilbad im ostfriesischen Wattenmeer ist zweifelsohne eine wunderschöne Insel, autofrei und, wenn sie nicht gerade einen Sommer wie diesen hinter sich hat, sicherlich auch grün.

Die Museumspferdebahn ist ein netter Touristengag, auf einer kurzen Strecke, die man auch in 20 min. zu Fuß gehen kann.

Das nebensaisonale Publikum ist gediegen und älter.

Es gibt viele Fahrradfahrer, obwohl das Radfahren offiziell nur den Einheimischen vorbehalten ist und vor Ort zumindest öffentlich keine Räder ausgeliehen werden können.

Zweiklassengesellschaft, also.

Daher heisst es, die hügelige Landschaft zu Fuß zu erkunden.

Die Küste ist in der Tat imposant. Der Wind peitscht den Sand über das Watt. Möwen tummeln sich in Prielen. Weiße Strände, so weit das Auge reicht. Dazu das Rauschen, wenn die Nordseewellen brechen. Kaum Menschen, draußen an der Westküste.

Einfach schön. Jedoch ist zu diesem Zeitpunkt der Zeltplatz schon geschlossen. Vielleicht deshalb.

Anders dagegen der Hauptstrand im Norden. „Die Strandkörbe sind heute schon alle vermietet, die Tagestouristen…“ erklärt der Strandkorbvermieter und zieht ratlos die Schultern hoch. „Kommen Sie morgen wieder, um 10.00.“

Die Tagestouristen fallen auch in der „Nebensaison“ Ende September mit dem Tuten der ersten Fähre in Horden in das beschauliche Örtchen ein.

Es erinnert ein bißchen an eine Mischung aus der Chiemseer Fraueninsel und dem Luftkurort Bad Reichenhall.

Auch von Capri sagt man ja, dass es nur frühmorgens und abends zu ertragen ist, wenn das letzte Boot mit Touristen abgefahren ist.

Die zurückhaltende Kühle mancher Insulaner in den Dienstleistungsunternehmen wird von einigen Gästen als unfreundlich und von oben herab empfunden, dürfte aber dem nordischen Naturell entsprechen. Oder dem tatsächlichen Überdruss an Touristen, von denen sie leben.

Es gibt eine Handvoll Restaurants von durchaus guter Qualität, die in Abstimmung abwechselnd öffnen und schließen. Reservierungen sind ratsam, auch in der Nebensaison. Wir lesen in mehreren Auslagen: „ Wegen Personalmangels geänderte Öffnungszeiten… „

und sind froh über unsere Ferienwohnung, die uns eine Alternative zu den vollen oder geschlossenen Restaurants bietet.

Im harten Kontrast zu gediegenen Teestuben mit zartem Ostfriesenporzellan steht das Old Laramie, im Westen an der Endstation der Pferdeeisenbahn. Die eigentümliche Mischung aus Café und Bar in einer windschiefen Baracke, durch eine NDR Dokumentation zur überbewerteten Kultkneipe erhoben, ist vermutlich ab der Öffnungszeit um 13.00 Uhr brechend voll. Selbst später am Nachmittag ist kein Platz zu ergattern. Ergraute Senioren und intellektuelle Einkindfamilien, die vermutlich pünktlich zur Lokalöffnung vor Ort waren, haben sich einen Tisch erkämpft und sehen sichtlich zufrieden die später Ankommenden mit enttäuschten Gesichtern kehrt machen. Der Käsekuchen soll gut sein, habe ich gelesen.

Dennoch: Es ist ein Kontrast zum fast spießig – aufgeputzten Ortskern mit Vorzeige – Häuschen, Kurpark und Rosengarten.

Dazwischen ziehen Familienväter die kleinsten Sprösse mitsamt Einkäufen im Bollerwagen zum Feriendomizil und pubertierende Schulklassengruppen durchforsten den Ort mit Aufgabenblättern, während die Lehrer im Landschulheim auf die Ergebnisse warten.

Wer hier Urlaub macht, und wirklich Ruhe sucht, sollte gleich nach dem Frühstück die entlegenen Weiten der Insel erwandern, um diese tatsächlich zu finden und den Massen der Tagestouristen zu entkommen.

Oder mit dem Wissen anreisen, dass es zwischen der ersten und der letzten Fähre ganz schön turbulent werden kann.

Sonst noch?

Es werden geführte Wattwanderungen, meditative Spaziergänge, Shiatsu Behandlungen, Silberschmiede- und Reitkurse angeboten.

Bei Schlechtwetter kann man das Insel – und das kuriose Muschelmuseum besichtigen.

Oder im Dünenspa entspannen.

Das Kuriose am Muschelmuseum wollte sich mir nicht so richtig erschließen. Fürchte, dass mir dieser Humor fremd ist.

Die Muschelexponate sind nach ihrer Form oder einer möglichen Ähnlichkeit benannt. Auf Wandtafeln daneben stehen die richtigen Namen. Kurios, gell? 😏

Das Nationalparkhaus Wittbülten informiert über die Fauna im Wattenmeer, die Landschaft und zeigt ein eindrucksvolles Aquarium sowie ein Pottwalskelett.

Ich habe dennoch ein paar „Geheimtipps“ für euch:

1. Die Kaffeerösterei & Bäckerei Backdeck mit herrlichem Kaffee und sehr guten Kuchen. Die Inneneinrichtung ist ebenfalls liebevoll und ausgefallen.

2. Der Fischverkauf mit Restaurant: „Das Meeresfrüchtchen“ Hier kauft man fangfrischen oder selbst geräucherten Fisch, im Bistro isst man leckere Fischgerichte und Fischbrötchen zum Mitnehmen gibt es auch.

3. Am Strand wandern vom Dünendurchgang am Old Laramie bis zum Zeltplatz

4. Käse & Wein kaufen bei Schröders Feinkost

5. Sanddornprodukte probieren (von Torte über Tee bis Sirup wird hier vieles angeboten)

6. Da die Wege vom Hafen bis in den Ort und die nähere Umgebung gut gepflastert sind, kann man getrost auf den Gepäcktransport vom Hafen bis zur Unterkunft verzichten (5 € pro Gepäckstück, einfach) – außer man nächtigt weiter außerhalb.

Achtung: Kurtaxe wird mit dem Fährticket erhoben, nicht in der Unterkunft. Das Auto bleibt auf dem Festland. Die kostenpflichtigen Garagen und Freiparkplätze befinden sich ca. 10 Gehminuten vom Hafen entfernt.

Da die Fähre nur bei Hochwasser im Spiekerooger Hafen anlegen kann, sind die Fahrzeiten Tide – abhängig. Ebenso die wenig gefährlichen Badezeiten. Dazu gibt es einen Tidenkalender. Die Fähre kann man im Internet im Voraus buchen oder vor Ort.

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